So sieht die Realität aus. (Foto: Vogelsberger Zeitung)

Mit einer dreisten Lüge Kapital schlagen

Internetseite spielt mit den Gefühlen der Angehörigen – Mit dramatischem KI-Foto auf Leserfang

LANDENHAUSEN
Ein Unfall mit eingeklemmter Person wurde am Freitagnachmittag gegen 16.15 Uhr bei Landenhausen gemeldet. Zwei Personen wurden schwer verletzt, wir berichteten. So lautete die Alarmierung für die Rettungskräfte. Eingeklemmt war niemand, aber zwei Personen (24, 13) wurden schwer verletzt und mussten mit zwei Rettungshubschraubern, Christoph 28 aus Fulda und Christoph 2 aus Frankfurt, in eine Klinik geflogen werden.

Als wäre der Schmerz für die Angehörigen nicht groß genug, erdreistet sich eine Seite in den sozialen Netzwerken mit einem dramatischem KI-Foto und einer Lüge im Text auf Leserfang zu gehen. Freilich soll das KI-Foto nur als Symbolfoto gelten, was per se nicht unbedingt verwerflich ist, wenn man kein Originalfoto zur Verfügung hat. Auch wir können nicht immer am Unfallort sein und verwenden Symbolfotos. Auf Nachrichtenportalen ist diese Vorgehensweise Gang und gäbe. Man verwendet ein Polizeifahrzeug, Rettungswagen oder Feuerwehrauto als Symbolfoto.

Soweit so gut. Eine Seite in den sozialen Netzwerken erstellte mit der KI ein Symbolfoto mit einem Traktor, einem Feuerwehrmann und einem Polizisten kniend vor dem Traktor. Zusätzlich sind auf dem KI-Foto eine Kerze, ein paar Blumen und ein Teddybär zu sehen. Der Feuerwehrmann und der Polizist halten sich die Hände vor das Gesicht. An Dramaturgie nicht zu überbieten. Im Text wird der Unfall beschrieben.

Eine dreiste Lüge
Bis zum vorletzten Absatz entspricht der Text einigermaßen der Wahrheit. Danach folgt die dreiste Lüge, Zitat: „Am Abend entstand am Straßenrand ein kleiner Trauerort. Kerzen, Blumen und ein kleines Stofftier liegen dort – Zeichen der Anteilnahme und stille Hoffnung für den 13-Jährigen, der so abrupt aus seinem Alltag gerissen wurde. In der Dunkelheit flackern die Lichter wie stille Gebete.“ Nichts, aber auch rein gar nichts entspricht der Wahrheit in diesem Absatz, außer dass der 13-Jährige und natürlich auch der 24-Jährige aus dem Alltag gerissen wurden. Man wählte bewusst „aus seinem Alltag gerissen wurde“ und nicht aus dem Leben gerissen wurde. Diese Wortwahl ist nicht zu bemängeln und sehr geschickt gemacht.

Wir waren heute am Unfallort und haben uns selbst davon überzeugt. Keine Blumen, keine Kerze, kein Teddybär, nichts von dem was auf der Seite in den sozialen Netzwerken dramatisiert beschrieben wurde. Das liegt nicht daran, dass die Angehörigen keine Gefühle hätten, ganz im Gegenteil. Aber das KI-Foto suggeriert beim ersten Hinsehen, dass eine oder beide Personen verstorben und die Trauer sehr groß sei. Die Seite behauptet zwar nicht, dass jemand verstorben ist, aber hier spielt man mit den Gefühlen der Angehörigen und geht auf Leserfang. Wir sind im Besitz dieses Fotos, was wir aber aus Respekt vor den Angehörigen nicht veröffentlichen. Es ist einfach nur widerlich.

Vom Polizeipräsidium Osthessen haben wir heute auf Anfrage erfahren, dass keiner der beiden Verunglückten verstorben ist.

Wir wünschen den beiden Verunglückten gute und baldige Genesung.

Vogelsberger Zeitung
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