„Auch in Deutschland erleben wir massive Rückschritte.“ – „Queer-Rechte sind Menschenrechte und für Menschenrechte lohnt es sich zu kämpfen.“
Update: 16.07.2025, 8.50 Uhr.
FULDA
Unter dem Motto „Foll Bunt: Vielfalt ist unsere Heimat“ fand über den Tag hinweg der „Christopher Street Day“ statt. Rund 2.000 Besucherinnen und Besucher versammelten sich auf dem Universitätsplatz Fulda, um gemeinsam freidlich durch die Innenstadt zu demonstrieren.

Einfach war es dieses Jahr nicht, den CSD auf die Beine zu stellen und die Pride stand kurz vor dem Aus. Emily Charlotte Rödel, Initiatorin des CSD Fulda erklärt uns: „Der CSD dieses Jahr hat tatsächlich sehr knapp mit der Planung angefangen. Wir haben erst Anfang des Jahres bis März die ersten Ideen gehabt. Nach dem Trägerwechsel war alles ziemlich stressig. Also so ungefähr Februar, März hat die Planung angefangen. Uns wurde der Förderantrag abgelehnt und andererseits hatte sich der Verein relativ spät dazu entschieden, den CSD nicht mehr hauptsächlich zu organisieren, weshalb wir nur verdammt wenig Zeit hatten, den diesjährigen CSD zu planen. So eine Veranstaltung braucht mindestens ein Jahr und wir hatten nicht mal ein halbes Jahr, um das Ganze auf die Beine zu stellen. Der Förderantrag, der abgelehnt wurde, der hat fast dafür gesorgt, dass wir das Ganze hätten sausen lassen müssen. Allerdings durch eine super krasse Spendenkampagne haben wir es geschafft, das Ganze finanzieren zu können.“
Bedrohung von rechtsextremer Seite
Weitere Herausforderungen ist natürlich die Bedrohung von rechtsextremer Seite. „Wir wussten, dass da wahrscheinlich auch in Fulda was auf uns zukommen wird, waren uns aber bis heute eben nicht sicher, wie groß das Ganze eben letztendlich sein wird“, so Emily Charlotte Rödel. Tatsächlich fand im Bereich „Heinrich-von-Bibra-Platz“ eine Kundgebung zum Thema „Familie, Heimat und Nation statt CSD“ von rund 50 Personen statt.
Rangeleien mit Einsatzkräften
Wir wollen nicht verschweigen, dass es an den Absperrgittern am „Heinrich-von-Bibra-Platz“ zu „Rangeleien mit Einsatzkräften“ kam, sodass diese einfache körperliche Gewalt anwenden mussten, heißt es in der Pressemitteilung des Polizeipräsidium Osthessen. Im Zuge des Gerangels agierte eine Versammlungsteilnehmerin nach derzeitigen Erkenntnissen mit einer Metallstange in Richtung der Polizeikräfte und verletzte dabei zwei der eingesetzten Beamten. Einer von ihnen konnte seinen Dienst nicht mehr fortsetzen. Bis auf diesen Sachverhalt verliefen alle Versammlungen und Veranstaltungen in der Fuldaer Innenstadt friedlich und aus polizeilicher Sicht ohne besondere Vorkommnisse (Stand, heute 11.00 Uhr, nach Anfrage unserer Zeitung bei der Polizei).
Anm. d. Red.
Es wurde klar und deutlich auf dem Universitätsplatz vom Orga-Team des CSD vor der Demonstration folgendes gesagt, wörtliches Zitat: „Wie gesagt, wir wollen eine friedliche Demonstration. Lasst euch nicht provozieren. Geht friedlich und schnell an den Leuten da oben vorbei.“ Schon da distanzierte sich klar und deutlich das CSD-Orga-Team von Gewalt.
Wie soll die Zukunft für den CSD Fulda aussehen?
„Ich wünsche mir eine stärkere Unterstützung von der Stadt Fulda, eventuell sogar eine finanzielle Unterstützung, materielle Unterstützung, dass die Stadt Fulda zeigt, ja der CSD gehört zu Fulda und es ist gut, dass es den CSD in Fulda gibt. Andererseits wünsche ich mir auch, dass Unternehmen, Institutionen, Vereine und so weiter aus Fulda sagen, ja, das ist unterstützungswürdig, diesen CSD fördern und sponsern wir. Wir sind dabei, wir zeigen Flagge, vielleicht sogar das ganze Jahr über. Allem in allem war das eine sehr gute Veranstaltung, wir sind sehr zufrieden“, so Rödel.
Warum ist der CSD so wichtig?
Der Christopher Street Day (CSD) ist wichtig, weil er ein Zeichen für Sichtbarkeit, Gleichberechtigung und Akzeptanz von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgender und queeren Menschen (LSBTIQ) ist. Er dient als Demonstration gegen Diskriminierung und Intoleranz und erinnert an den Kampf für queere Rechte, der mit den Stonewall-Unruhen begann.

Susanne Maul, AIDS-Hilfe Fulda im Wortlaut:
„Wir haben uns ja kurz dazu entschlossen, den CSD diesmal gemeinsam mit einem sehr bunten, engagierten, ein bisschen anstrengenden Orgateam zu organisieren und wir haben hier echt viel auf die Beine gestellt. Wir stehen heute hier, um für Vielfalt, Akzeptanz, Sichtbarkeit, Würde und ein Leben ohne Angst zu demonstrieren. Wir sind gefördert worden von „Demokratie leben!“ und von ganz vielen privaten Sponsoren. Die Planung für den CSD hat uns zum Schluss ganz schön an die Grenzen gebracht. Den Grund dafür kennt ihr, der Grund steht am Heinrich-von-Bibra-Platz. Wir wollen eine friedliche Demonstration. Lasst euch nicht provozieren. Geht friedlich und schnell an den Leuten da oben vorbei. Wir sind mehr, wir sind bunter und wir sind auch toleranter.“

Christa Joa-Sporer in Vertretung von Bürgermeister Dag Wehner im Wortlaut:
„Fulda ist eine traditionsreiche Stadt mit ganz viel Charme und hat sich im Laufe der Jahre auch immer mehr für Vielfalt und Toleranz geöffnet. Aber es darf kein Stillstand sein, gerade in Zeiten, wo rechte Gruppierungen immer stärker werden und die auch heute versuchen, dieses Fest zu stören. Es gibt immer noch Diskriminierung an Arbeitsplätzen, an der Straße und queere Menschen werden einfach nicht wahrgenommen und sind Vorurteilen ausgesetzt. Seien wir deshalb weiterhin laut und solidarisch mit allen, die Ausgrenzung erfahren, damit Fulda weiterhin voll bunt bleibt, nicht nur heute, sondern wirklich an allen Tagen im Jahr. Seit 50 Jahren ist es sehr wichtig diesen Christopher Street Day zu feiern und diesen Tag der Vielfalt. Und dies wollen wir heute tun mit ganz vielen Menschen die hier sind. Der Tag der Vielfalt der friedlich sein wird, da bin ich mir sicher.“

Anna-Lena Kökgiran, Partnerschaft für Demokratie der Stadt Fulda im Wortlaut:
„Wir freuen uns total, dass wir den CSD wieder mit unterstützen und fördern können. Das ist ein super tolles und super wichtiges Projekt. Es ist vor allen Dingen ein Tag, der dafür steht, für etwas zu sein und nicht dagegen. Das finde ich total wichtig. Und trotzdem ist es auch klar, dass es auch einfach ein Signal ist an die Menschen, die es leider immer noch gibt und die vielleicht nicht ganz verstanden haben, was Demokratie eigentlich bedeutet, was unsere Demokratie ausmacht. Dass sie auf einem Grundgesetz basiert, was eben nicht neutral ist, nicht wertneutral ist, mitnichten, auf gar keinen Fall. Unsere Demokratie, unsere Gesellschaft zeichnet sich durch Werte aus. Diese Werte sind Freiheit, sind Gleichheit, sind Selbstbestimmung, sind Selbstverwirklichung. Und Gleichheit bedeutet eben nicht Konformismus. Gleichheit bedeutet, dass wir alle die gleichen Rechte haben, um uns so unser Leben zu gestalten, wie wir das möchten. Und es ist dabei vollkommen egal, wie wir aussehen, wie wir leben, wie wir lieben. Darum geht es eben nicht. Es geht darum, dass diese Gesellschaft uns allen gehört und wir sie mitgestalten.“

Emily Charlotte Rödel, Initiatorin des CSD Fulda im Wortlaut:
„Was wir hier tun, ist nicht leicht, aber es ist wichtig, es ist richtig und es ist notwendig. Dass wir heute hier demonstrieren, feiern, sichtbar sind, das ist ein Privileg. Denn während wir hier stehen, ist die Welt im Ausnahmezustand. Menschen in der Ukraine erleben einen brutalen Krieg, PalästinenserInnen kämpfen täglich ums Überleben, Maya, eine queere Aktivistin, sitzt seit Monaten in Ungarn in Haft und in den USA werden Transpersonen systematisch entrechtet. Unter dem Einfluss einer Politik, die zurück in dunkle Zeiten will.
Frei in Frieden und gleichberechtigt zu leben ist keine Selbstverständlichkeit mehr. Nicht dort, nicht hier, nicht irgendwo. Auch in Deutschland erleben wir massive Rückschritte. Ein CDU-Vorsitzender, der mit der AfD gemeinsame Sache macht, der uns einen Zirkus nennt. Eine Politikerin, die ernsthaft versucht, die Regenbogenflagge unter dem Deckmantel der Neutralität vom Reichstag zu verbannen. Das ist kein Einzelfall, das ist ein Angriff. Seit letztem Jahr erleben wir zunehmende Übergriffe auf CSDs, auf links eingestellte Personen, auf migrantisch gelesene Personen. Der rechte Terror ist real, der Faschismus ist auf dem Vormarsch und er ist organisiert. Und deshalb sage ich euch ganz klar, die Regenbogenflagge zu verbieten hat nichts mit Neutralität zu tun. Es ist ein klares Bekenntnis gegen Vielfalt, gegen Sichtbarkeit, gegen Menschenrechte. Es ist ein Angriff auf uns alle. Und wir dürfen dazu nicht schweigen. Jetzt ist die Zeit sichtbar zu sein, jetzt ist die Zeit laut zu sein, jetzt ist die Zeit Flagge zu zeigen.“

Martin Klenner, „Flirty Flamingo“ im Wortlaut:
„In letzter Zeit habe ich immer mehr Angst. Ich weiß nicht, wo kann ich noch langlaufen? Wie ist das mit der Regenbogenflagge? Darf ich die schon um den Körper tragen, so wie heute? Wie ist das mit den Regenbogenklamotten? Ja, ich erlebe es täglich, dass Autos anhalten, mir was hinterherrufen, irgendwelche Schimpfworte. Das ist mein Alltag.
Ich stand hier vor der Bundestagswahl in Fulda, habe eine Rede gehalten, da hatten wir die große Demo Weltliebe. Und jetzt, nach der Bundestagswahl? Ich habe das Gefühl, alles ist viel, viel schlimmer eingetroffen. Ich habe das Gefühl, es gibt PolitikerInnen, die machen eine Hetzjagd auf die Regenbogenfahne. Jetzt haben wir gesehen, dass selbst Bundestagsabgeordnete ihre Regenbogensticker von Abgeordnetenbüros kratzen müssen. Wo kommen wir denn da hin? Liebe Politiker, schaut euch doch mal bitte an, was die Regenbogenfahne bedeutet. Beim Bauernaufstand hatten wir den Regenbogen als Symbol. Und Gilbert Baker hat die Regenbogenfahne uns geschenkt. Und nirgendwo werdet ihr irgendwo als Bedeutung des Regenbogens lesen, Zirkuszelt. Ihr werdet nirgendwo lesen, der Regenbogen ist ein Symbol der Clowns. Nee, also liebe Politiker, informiert euch, bevor ihr da irgendwelche Behauptungen aufstellt. Und ich sage immer, wer sein ganzes Leben nur schwarz-weiß denkt, der wird nie den Regenbogen lieben können. Der wird immer nur hassen. Und wir müssen aufpassen, weil von diesen Regenbogenhassern scheint es immer mehr zu geben. Das scheint salonfähig zu werden. Und deswegen seid wachsam. Hart erkämpfte Rechte dürfen wir uns nicht nehmen lassen. Professuren für Gender Studies, die Ehe für alle oder das Selbstbestimmungsgesetz müssen bleiben. Wir müssen wachsam sein, wir müssen kämpfen, für unsere Rechte einstehen. Denn ganz einfach: Queer-Rechte sind Menschenrechte und für Menschenrechte lohnt es sich zu kämpfen.“
Zusammenfassend kann man sagen, der CSD ist nicht nur ein Zeichen für die Rechte von Queeren Menschen, sondern von allen Menschen auf der ganzen Welt. Queerer Kampf heißt Seite an Seite mit allen Unterdrückten dieser Welt zu stehen. Auch wenn CSD-Gegner die Rangelei von einer Aktivistin mit der Polizei als willkommenes gefundenes „Fressen“ für Hetze sehen, so blieb es auf dem CSD aus polizeilicher Sicht ohne besondere Vorkommnisse (Stand, heute 11.00 Uhr, nach Anfrage unserer Zeitung bei der Polizei).

