Symbolfoto: pixabay

Die vergessene Fahrkarte

Eine fiktive Kurzgeschichte von Karl-Ernst Crönlein

Morgens von Lauterbach nach Alsfeld in die Schule. Du bist noch nicht ganz bei dir. Du hast neben den Hausaufgaben auch deine Fahrkarte vergessen. Jedenfalls kannst du sie nicht finden. Was machst du jetzt? Du musst in die Schule und der rotbraune Triebwagen kommt bald. Für nach Hause, um die Fahrkarte zu suchen, ist es jetzt zu spät. Nicht schlimm, denkst du dir. Du bist ja ein schlauer Schüler und mutig auf jeden Fall.

Mit Glockengeläut senken sich die Schranken am Bahnübergang in der Schlitzer Straße. Von Fulda kommt der Zug mit zwei Personenwagen. Aus den Lautsprechern am Bahngleis ertönt ein schrilles: „Lauterbach, hier Lauterbach.“

Du wartest am Gleis, schaust, in welchen Personenwagen der Schaffner (so sagte man früher zu einem Zugbegleiter) einsteigt. Nun steigst auch du ein, natürlich in den anderen. Zum Glück sind die Personenwagen getrennt. Ein komplettes Durchgehen unmöglich.

Abfahrt nächster Halt: Wallenrod. Aufmerksam beobachtetest du den Mann mit der Kelle. Glück gehabt, er steigt wieder in den ersten Wagen ein. Nächster Halt: Renzendorf. Just in diesem Moment, wo es nur den Anschein hat, der Mann mit der Mütze könnte in deinen Wagen kommen, verspürst du ein menschliches Bedürfnis. Zumindest ist das dein Plan. Du denkst perfekt, so geht es.

Aber dann! Warum leuchtet gerade jetzt in diesem Augenblick die rote Lampe über den kleinen Raum? Es bricht pure Angst in dir aus. Nicht etwa, weil etwas in die Hose gehen könnte. Nein, da ist ja nichts. Also nichts, was drücken könnte.

Jetzt, in großen Schritten kommt er näher und näher, der Mann in der Uniform. Dich kann nur noch ein Wunder retten, schießt es dir durch den Kopf! Die vergessenen Hausaufgaben sind jetzt gerade dein kleinstes Problem. Und die rote Lampe leuchtet noch immer. Wer um Himmels willen sitzt so lange auf dem Klo? Kann der das nicht zu Hause machen, wie andere Menschen auch, geht es dir durch den Kopf?

Es schallt ein Pfiff durch die Luft und dein Herz fängt an zu pochen. Vielleicht solltest du schnell ein Buch lesen und so tun, als hätte er dich schon kontrolliert? Endlich geht die rote Lampe aus. Doch es ist zu spät! Der Schaffner steht genau zwischen dir und dem begehrten Raum.

Du denkst nach, was du machen könntest, während der Herr von Reihe zu Reihe immer näher kommt. Jetzt noch eine. Dein Herz pocht so laut, dass das Pochen die Wagengeräusche des VT 95 übertönt. Zumindest kommt es dir so vor. Du schaust in dein Buch, da dringen die unvermeidlichen Worte an dein Ohr: „Die Fahrkarte bitte!“ Langsam hebt sich dein Kopf und die Gesichtsfarbe wechselt schlagartig von weiß auf rot. Deine Gesichtszüge entgleisen dir. Du möchtest ihm jetzt sagen, dass du die Fahrkarte vergessen hast. Aber aus dem offenen Mund kommt kein Ton. Mit strengem Blick schaut dich der Schaffner fragend an und sagt: „Vergessen?“ Du nickst demütig und aus dir kommt mit leiser Stimme und den Tränen nahe: „Ja, Entschuldigung.“ Sein Blick wirkt noch ernst, als er sagt: „Warum kommst du nicht gleich zu mir und sagst es? Morgen hast du deine Fahrkarte dabei! Verstanden?“ Du nickst bejahend mit dem Kopf und langsam hört auch das Pochen auf, während in dein Gesicht wieder Farbe zurückkehrt.

Du siehst den Mann in Uniform noch vor dir stehen, während er schon drei Reihen weiter ist. Jetzt erst bemerkst du, dass dein Buch auf dem Kopf in den Händen liegt. Du packst es in die Schultasche und da liegt sie, die Fahrkarte. Als du sie dem Schaffner zeigen willst, ist der Triebwagen schon in Alsfeld am Bahnhof eingefahren. Mit dem Hebel nach unten öffnet der Uniformierte die Schiebetüren und steigt aus.

Nun bist du an der Reihe. Beim Aussteigen hörst du aus den Lautsprechern im Bahnhof: „Alsfeld, hier Alsfeld Oberhessen.“ Du gehst mit einem erleichterten, aber respektvollen Lächeln an dem Mann der Deutschen Bundesbahn vorbei, nicht ohne ihm zu sagen: „Danke!“ Mit einem leichten Grinsen erwidert dieser: „Schon gut, aber nicht wieder vergessen!“

Ja, so war es früher, als die Bahn noch Deutsche Bundesbahn und die Menschen noch friedlicher waren.

Anm. d. Red.
Diese Kurzgeschichte wurde schon am 19. April 2020 auf unserer alten Webseite gepostet. Nun bekamen wir Anfragen, ob wir diese Geschichte gelöscht hätten? Nein, haben wir nicht.

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